/ Podcast Schmerzen beim Laufen

Runtimes Podcast x Dr. Raul Borgmann

 

Knieschmerzen, Regeneration & wann man wirklich zum Arzt sollte

1. Intro & Vorstellung

Thema der Folge: Knieschmerzen, Knorpelschäden, wann eine OP nötig ist – und wann der Körper mehr regenerieren kann, als man glaubt. Auftakt einer monatlichen Artikelserie mit Dr. Borgmann auf Runtimes.

Gast: Dr. Raul Borgmann – Orthopäde & Osteopath, Gründer der Privatpraxis Orthopassion in Freiburg.

  • Klassische schulmedizinische Weiterbildung, Oberarzt mit Schwerpunkt Knie-/Schulterarthroskopie
  • Früher Kontakt zu Osteopathie & Akupunktur
  • Erkannte Versorgungslücke bei Patienten ohne OP-Indikation, aber mit Schmerzen
  • Einer der Pioniere der regenerativen Medizin/Orthopädie in Deutschland
  • Motivation: aktiven Menschen und Sportlern Lebensqualität durch Bewegung zurückgeben

Warum Orthopädie + Osteopathie kombiniert? Erster Kontakt zur Osteopathie schon als Jugendlicher. In der Klinik dann Suche nach Lösungen für Patienten ohne auffälligen MRT-/Röntgenbefund. Kernaussage: "Viele Wege führen nach Rom" – jedes Verfahren hat Stärken und Schwächen; die Kombination mit regenerativen Therapien eröffnet zusätzliche Möglichkeiten.

 

2. Mythos: "Laufen schadet den Knien"

  • Einschätzung: Falsch – der Körper ist für den langsamen Dauerlauf ausgelegt, Laufen ist eine der natürlichsten Bewegungsformen.
  • Ausnahme/Sonderfall: Extrembelastungen wie Ultramarathon.
  • Normales Laufpensum schadet den Gelenken nicht.

 

3. Knieschmerzen beim Laufen – was tun?

Grundhaltung: Körpersignale ernst nehmen, aber nicht in Angst verfallen – Ursache verstehen statt "Augen zu und durch".

Häufigste Ursache:

  • ca. 80 % der Beschwerden am Bewegungsapparat stammen aus dem Muskel- und Fasziensystem
  • Frühzeitige Behandlung verhindert strukturelle Folgeschäden

Mechanismus – Dysbalance statt Einzelproblem:

  • Selten reine Muskelschwäche oder -verkürzung
  • Meist Ansteuerungsproblem: verspannter Gegenspieler hemmt den Agonisten (Beispiel Bizeps/Trizeps)
  • Verkürzte rückwärtige Beinkette (Hamstrings) hemmt vordere Oberschenkelmuskulatur → Dysbalance im komplexen Rollgleitmechanismus des Knies → Schmerz als Warnsignal

Einfluss anderer Körperregionen:

  • Fußstellung (z. B. Knickfuß) beeinflusst aufsteigend die Kette
  • Hüftbeuger-Dysfunktion spielt zentrale Rolle (viel Sitzen im Alltag)
  • Sogar Bissdysfunktionen/Zähne können absteigend über Kaumuskulatur und Halswirbelsäule Knieschmerzen mit verursachen – ohne Korrektur (z. B. Knirscherschiene) greifen andere Therapien oft nicht nachhaltig

Alte Verletzungen/OPs:

  • Der Körper kompensiert viel, aber angesammelte Dysbalancen (z. B. durch ein operiertes Knie) sollten aktiv ausgeglichen werden: gezieltes Mobility-Training, Beinachsenstabilität, regelmäßige osteopathische Kontrolle (ca. alle 4–6 Wochen)

4. Wann zum Arzt, wann zum Osteopathen?

Faustregel:

  • Schmerz ernst nehmen, aber nicht nur pausieren – aktiv regenerative Maßnahmen einbauen (Blackroll, Dehnen, Yoga, Wärme, Massage, Osteopathie)
  • Zeitfenster: 2–3 Wochen. Bessert sich der Schmerz trotz Gegenmaßnahmen nicht → abklären lassen
  • Eine kurze Trainingsreduktion schadet nicht, wirkt sich aber langfristig nicht negativ auf Wettkampfvorbereitung aus

Sofort zum Arzt bei:

  • akutem Trauma (Verdrehen, Umknicken, Sturz)
  • starkem, tiefem Schmerz mit Funktionsverlust
  • sichtbarer Schwellung

5. Regenerative Medizin – die drei zentralen Verfahren

 

Grundprinzip

Der Körper hat ein hohes regeneratives Potenzial, das durch bestimmte Faktoren gehemmt sein kann. Regenerative Verfahren unterstützen die körpereigene Selbstheilung – kein "Ersatzteil aus dem Labor".

5.1 Fokussierte Stoßwelle

  • Behandelt u. a. Triggerpunkte (lokale Muskelverspannung mit Mangeldurchblutung – pathophysiologisch vergleichbar mit lokaler Totenstarre)
  • Alternative zu Druckmassage oder Dry Needling – meist angenehmer, dosierbar
  • Einsatzgebiete: Muskeln, Faszien (z. B. Plantarfasziitis, Fersensporn, Achillessehne), Hüftbeuger
  • Faszien/Sehnen brauchen länger zur Regeneration (Zellturnover ca. 350–450 Tage), Effekt bei Muskeln meist unmittelbar spürbar
  • Weitere Forschungsfelder: Neurologie (Alzheimer/Demenz), Herzchirurgie (weniger Narbengewebe nach Bypass), Knochenheilung, Ästhetik (Zellulite, Lipödem)

5.2 PRP (Platelet Rich Plasma)

  • Patient:innen-Eigenblut wird zentrifugiert, Plasma/Blutplättchen (ggf. mit Hyaluronsäure) werden in Gelenk, Sehne oder Muskel injiziert
  • Liefert konzentriert Wachstumsfaktoren → pusht Regeneration
  • Zentrale Indikation: Knorpelschäden/Arthrose – Knorpel selbst lässt sich aktuell nicht regenerieren, aber die entzündliche Reizung (Inflammation) im Gelenk lässt sich in den Griff bekommen → Beschwerden lindern, Fortschreiten verlangsamen

5.3 EMTT (hochenergetisches Magnetfeld / elektromagnetische Transduktionstherapie)

  • Induktionseffekt ähnlich kontaktlosem Laden – überträgt Energie direkt auf die Zellmembran
  • Einziges der drei Verfahren, das ungehindert in den Knochen eindringt (z. B. bei Knochenödem/Stressreaktion)

Synergie-Prinzip (Beispiel Patellaspitzensyndrom): Stoßwelle behandelt Sehne/Sehnenansatz, EMTT erreicht zusätzlich den Knochen, PRP liefert Substrate für die Sehnenregeneration → kombinierter Effekt größer als Einzelmaßnahmen.

 

6. Einflussfaktoren auf die Regenerationsfähigkeit

FaktorKernaussage
AlterRegeneration nimmt ab ca. 25–30 Jahren ab; bei Kindern/Jugendlichen wird Stoßwelle nur zurückhaltend und niedrig dosiert eingesetzt
GenetikBeeinflusst Muskelaufbau, Verkürzungsneigung – kaum beeinflussbar
StoffwechsellageÜbersäuerung & chronische ("silent") Inflammation begünstigen Beschwerden
LebensstilKohlenhydratarme mediterrane Kost, ausreichend Schlaf (vor Mitternacht), Ausgleich zu Belastung (nicht nur psychisch – auch Selfcare wie Sport, Kochen, Yoga)
Körperlicher StressPost-Covid/Post-Vac, Umweltbelastungen – oft unterschätzt
Hormone (v. a. Frauen)Prä-, peri- und postmenopausale Hormonschwankungen beeinflussen Bindegewebe/Faszien – z. B. diffuse Schmerzen bei Frauen um die 40 können hormonell mitbedingt sein
KörpergewichtKniearthrose mit Übergewicht assoziiert, Hüftarthrose nicht; generell begünstigt Übergewicht Übersäuerung/Inflammation in allen Geweben

 

7. Diagnostik bei Orthopassion

  • Anamnese hat höchste Priorität – Patient:innen füllen vorab einen Schmerzfragebogen aus
  • 60 Minuten für die Erstvorstellung, inkl. Ganzkörperuntersuchung (Füße bis Halswirbelsäule), nicht nur des betroffenen Gelenks
  • Ultraschall direkt im Behandlungszimmer verfügbar, ersetzt oft das MRT
  • MRT/Röntgen meist zur Bestätigung der bereits gestellten Verdachtsdiagnose

Vier Behandlungssäulen:

  1. Regenerativ-orthopädische Verfahren (Stoßwelle, PRP, EMTT)
  2. Osteopathie (Selbstheilung unterstützen, Faszien/Bindegewebe balancieren)
  3. Haltungs- und Bewegungsanalyse im High-Performance-Motion-Lab (Laufanalyse bis 30 km/h, synchrone Aufzeichnung von Wirbelsäule, Becken, Beinachsen, Fußdruck, kombiniert mit isometrischer Kraftmessung)
  4. Gezieltes Training

 

8. Trainingsansatz

  • Kein klassisches "Problem-fokussiertes" Physio-Training, sondern Ganzkörper-Symmetrisierung
  • Zwei zentrale Werkzeuge:
    • Neuromuskuläre Trainingstherapie
    • Minimaldosis-Konzept (nach Pete Egoscue): 10–15 Minuten tägliches Eigenübungsprogramm, individuell auf die Dysfunktion zugeschnitten
  • Zusatz-Tipp: 5-Minuten-Übungsprogramm für Schreibtischarbeiter:innen (auf der Orthopassion-Website verfügbar), 1–2× täglich

 

9. Rat an die Lauf-Community

  • Keine Angst bei Beschwerden – aber frühzeitig reagieren
  • Mobility/Stretching präventiv einbauen, eigene Schwachstellen kennen
  • Bei Stagnation frühzeitig kompetente Hilfe holen
  • Prävention wird gesellschaftlich stark unterschätzt – frühzeitiges Handeln kann viele langfristige Probleme vermeiden

 

10. Schnellfragen

FrageAntwort
Morgens oder abends laufen?Morgens
Krafttraining oder Mobility?Beides
Barfußschuhe oder klassische Laufschuhe?Klassische Laufschuhe (Barfußschuhe gezielt als Trainingsinstrument, ca. 20 %)
Eisbad oder Sauna?Beides
Ultramarathon oder kein Sport?Dann lieber Ultramarathon

 

11. Fachfragen im Schnelldurchlauf

  • Meist unterschätzte Ursache für Knieschmerzen: myofasziale Ursachen, insbesondere das Becken
  • Häufigste Fehleinschätzung von Läufer:innen: die Angst, bei Knorpelschaden/Arthrose gar nicht mehr laufen zu dürfen – Gelenke brauchen Bewegung, um gesund zu bleiben
  • Kritisch gesehener Gesundheitstrend: Barfußschuhe als unreflektierter Hype (v. a. auf Asphalt)
  • Positiv gesehener Trend: stärkerer Fokus auf Omega-3 und Vitamin D – weit verbreiteter Mangel, sinnvolle Basisergänzung
  • Eigenes Erste-Hilfe-Ritual bei Schmerzen: Mobility-Übungen + Stoßwelle
  • Ärzte als Patienten: oft "gruselig" – die eigene Gesundheit wird zugunsten anderer vernachlässigt

Abschlusssatz: "Vom Laufen habe ich gelernt, wie schön es ist, eins mit der Natur zu sein und zu werden. Laufen ist Bewegung, und Bewegung ist Lebensqualität." 

Quelle: Interview-Transkript aus dem *Runtimes Podcast* ("dein digitales Läufermagazin"), Gespräch mit Dr. Raul Borgmann (Orthopassion, Freiburg).
Veröffentlicht auf **run-times.de** am 13.07.2026. 
 

Runtimes: https://run-times.de/podcast/schmerzen-beim-laufen-was-hilft/